Wer oder was sind eigentlich die Erlkönige?

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind.“

Nichts erklärt es besser als die erste Zeile des gleichnamigen Gedichtes von Johann Wolfgang von Goethe, wenn man sich darüber Gedanken macht, warum der Erlkönig eigentlich Erlkönig heißt. Als Erlkönig bezeichnet man den Prototyp eines Autos wegen der Mystik, die seitens des Herstellers geschaffen wird. Oft werden diese Prototypen sprichwörtlich bei „Nacht und Wind“ über wenig befahrene Strecken und mitunter sogar im kaum besiedelten Ausland gefahren. Hauptsächlich Schweden, aber auch Norwegen und Finnland sind dabei gern genutzte Länder der Hersteller für eine ausgiebige Probefahrt mit dem Prototypen. Aufgrund der dortigen Witterungsverhältnisse sind Kälte-Testfahrten unter winterlichen Bedingungen möglich, was nordeuropäische Länder zusätzlich für Erlkönig-Fahrten interessant macht. Das Pendant dazu findet meist in den USA in der Gluthitze von Death Valley statt.

„Er hat den Knaben wohl im Arm. Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.“

Ziel der Geheimnisbewahrung ist, dass das Aussehen des Prototypen nicht vorzeitig bekannt wird. Natürlich versucht der Hersteller, seine Innovationen in Sachen Optik und Technik vor den Augen der Konkurrenz zu beschützen. Mit unauffälligen Lackierungen versehen und als normale Straßenwagen getarnt, erkennt ein Laie kaum, dass er einen Prototypen vor sich hat. Im Gegenzug versuchen Fotografen und Journalisten, dieses Geheimnis zu lüften. Ihre geschulten Augen erkennen einen Erlkönig sofort. Da die Erlkönige häufig in einer Gruppe von Fahrzeugen unterwegs sind, wird ihnen seitens der sogenannten Erlkönig-Jäger so lange nachgestellt, bis ein verwertbares Bild entsteht. Dabei werden mitunter auch von einem ganz normalen Auto Fotos gemacht, weil die optischen Unterschiede zur Vorjahresserie von den Herstellern gut kaschiert werden. Die Prototypen werden zum Beispiel mit neuer Technik in der alten Karosserie gefahren. Aufgrund der Mischung zwischen neuer Technik und altem Design bezeichnet man diese Form des Erlkönigs als „Muletto“. Auch wenn das zukünftige Design bereits feststeht, werden die Karosserien der Erlkönige an markanten Punkten oft noch komplett verkleidet. Außer diesen Sichtschutzmaßnahmen wird mit getönten Scheiben der Blick auf die Innenausstattung (Ablagen, Armaturenbrett etc.) verhindert. Mit dem Näherrücken des Präsentationsdatums werden die angebrachten Tarnungen am Fahrzeug immer weniger.

Warum ist man an Erlkönig-Fotos so interessiert?

Sowohl für die Auto-Fachpresse als auch für den Verbraucher sind Fotos von Prototypen interessant, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Die Fachpresse hat letzten Endes den Begriff „Erlkönig“ erst geprägt, als das erste (Amateur-) Foto eines Prototypen vom Mercedes-Benz 180 in einer namhaften Autozeitschrift abgedruckt werden sollte. Mit einer passenden und sehr heiteren Umdichtung des Erlkönig-Gedichtes sollte der Hersteller des Wagens ein wenig über den Verlust der Veröffentlichung getröstet werden. Seitdem (1952) erscheinen in fast jeder Ausgabe der Auto-Fachpresse ein oder mehrere Fotos von Prototypen, was die Auflage und den Kauf attraktiv macht. Gleichermaßen erwartet der Leser dieser Zeitschriften als zukünftiger Käufer mit Spannung die Neuerscheinung. Bei zu schnellem Bekanntwerden der technischen und optischen Details sinken die Verkaufszahlen der Vorgängermodelle, was zwar nicht im Sinne des Herstellers, wohl aber im Sinne des Verbrauchers ist. Dieser kann sich dann auf das neueste Modell freuen und wartet lieber mit dem Kauf eines Wagens.